„Die dunkle Seite der Kindheit“ – die wichtigsten Zitate

Wie die Überschrift schon verspricht, finden Sie hier die wichtigsten Zitate aus dem wegweisenden Artikel zur Krippenbetreuung aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Artikel von Dr. Rainer Böhm beginnt mit einem Vorspanntext, der die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf den Punkt bringt:

„Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, Verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Dieses Wissen hindert die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände nicht daran, die Erhöhung der Zahl der außerfamiliären Betreuungsplätze zum Ausweis moderner Familienpolitik zu stilisieren.“

Die Argumentation beginnt mit der Vorstellung einer zentralen Studie:

„Unter der Regie des renommierten National Institute of Child Health and Development (NICHD) entwickelte eine Gruppe weltweit führender Spezialisten für frühkindliche Entwicklung Anfang der neunziger Jahre ein ausgefeiltes Untersuchungsdesign, in dem nahezu alle Faktoren berücksichtigt wurden, die für die kindliche Entwicklung relevant sind. Daraufhin wurden mehr als 1300 Kinder, überwiegend aus weißen Mittelschichtfamilien, im Alter von einem Monat in die Studie aufgenommen. Über einen Zeitraum von 15Jahren wurden sodann die kognitive Entwicklung und das Verhalten der Kinder detailliert gemessen.“

Die Ergebnisse bezüglich kognitiver Leistungen:

„Hohe Betreuungsqualität führte […] zu etwas besseren kognitiven Leistungen im Vorschulalter. […] Die Dauer außerfamiliärer Betreuung hatte hingegen keinen signifikanten Einfluss auf die Schulleistungen.“

Die Ergebnisse zum Verhalten der Kinder:

„Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabhängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionale Kompetenz (Anm.: und das Verhalten) der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus.“

Ganz besonders verstörend ist, dass „Die Verhaltensauffälligkeiten […] weitgehend unabhängig von der Qualität der Betreuung“ festgestellt wurden.

In den letzten 10 Jahren konnte dieser Befund durch weitere Forschungen, insbesondere über die Wirkungsweise des Stresshormons Cortisol, bekräftigt werden:

„Entgegen dem normalen Verlauf an Tagen im Kreis der Familie – hoher Wert am Morgen und kontinuierlicher Abfall bis zum Abend hin – stieg die Ausschüttung des Stresshormons während der ganztägigen Betreuung im Verlauf des Tages an – ein untrügliches Anzeichen einer erheblichen und chronischen Stressbelastung. […] Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind. Bei Kindern liegen die Hormonwerte weit jenseits der milden und punktuellen Aktivierung des Stresssystems, die als entwicklungsförderlich anzusehen sind. Vielmehr muss in der chronischen Stressbelastung eine Ursache dafür gesehen werden, dass Krippenkinder häufiger erkranken.“

„Genau dieser Effekt wurde jetzt auch in Wien in einer Studie über Kinderkrippen nachgewiesen.“
(Anm.: Wurden die Ergebnisse jemals in Österreich diskutiert?)
„Diese Befunde lassen keinen anderen Schluss zu als den, dass eine große Zahl von Krippenkindern durch die frühe und langdauernde Trennung von ihren Eltern und die ungenügende Bewältigung der Gruppensituation emotional massiv überfordert ist.“

Dem Kinderarzt ist bewusst, wie wenig dieser Befund in den derzeitigen Mainstream der Politik passt:

„Derzeit fällt es vielen noch schwer, das Bild anzunehmen, das diese neuen, objektiven Messdaten zu erkennen geben. Aber es führt kein Weg um die Einsicht herum, dass die Mehrheit ganztagsbetreuter Krippenkinder, selbst wenn sie in schönen Räumen mit anregendem Spielzeug von engagierten Erziehern oder Erzieherinnen betreut wird, den Tag in ängstlicher Anspannung verbringt, dass sich dies bei einem Teil der Kinder in anhaltenden Verhaltensauffälligkeiten niederschlägt und dass mit dieser Form der Betreuung Risiken für die langfristige seelische und körperliche Gesundheit einhergehen.“

„Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung. Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank.“

Dieser aufrüttelnde Befund hat dazu geführt, dass der Kinderärztekongress 2011 in Bielefeld einen Empfehlungskatalog verabschiedet hat. Dr. Böhm zieht folgenden Schluss:

„Aufgrund der dargelegten Risiken ist es unumgänglich, dass alle Eltern die Entscheidung über eine mögliche frühe außerfamiliäre Betreuung frei von ökonomischen Zwängen treffen können. Hierfür muss der Grundsatz „the money goes with the child“ (das Geld geht mit dem Kind) wegweisend werden. Die Wahlfreiheit für Eltern könnte über ein Kinder-Grundeinkommen oder über ein Betreuungsgeld sichergestellt werden, wie es mittlerweile in allen skandinavischen Ländern gezahlt wird und deutlich höher ist als die eher symbolische Summe, die in Deutschland zur Debatte steht. Es wäre dann in das Ermessen der Eltern gestellt, ob sie sich ganz der Erziehung der Kinder widmen oder Kind und Geld einer außerfamiliären Betreuungsform anvertrauen möchten, um selbst einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.“

Den vollständigen Artikel hat nun das Familiennetzwerk online gestellt, sie finden ihn hier

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One Response to „Die dunkle Seite der Kindheit“ – die wichtigsten Zitate

  1. hsv says:

    Dieser Artikel ist wirklich sehr lesenswert. Aus ihm lässt sich großartig zitieren!